Es gibt kein Falsch oder Richtig.

Zumindest kein allgemeingültiges Falsch oder Richtig. Alles hängt von individuellen Umständen und vergangenen Erfahrungen ab. Im Leben geht es um Entscheidungen. Solange du bewusste Entscheidungen triffst, ehrlich zu dir selbst bist und so handelst, dass es sich für DICH richtig anfühlt, ist alles ok.

Lass uns ein paar umstrittene Beispiele anschauen.

Rassismus

Seit ich 17 Jahre alt bin, setze ich mich gegen Rassismus ein. Ich bin immer noch überzeugt, dass alle Menschen einzigartig und gleichwertig sind und wir aufhören sollten, in «Rassen» zu denken. Doch als ich mich mehr und mehr mit dem Thema Rassismus auseinandersetzte, begann ich seine Komplexität zu sehen. Bei Rassismus geht es um Verallgemeinerungen und Vorurteile. Vielleicht denkst du, dass die Italiener generell besser kochen können als die Schweizer. Diese Idee ist ziemlich rassistisch. Und ich weiss, dass sie sich für viele Italiener diskriminierend anfühlen kann. Doch wer weiss, vielleicht gibt es tatsächlich kulturell bedingte Verhaltenstendenzen? Vielleicht beeinflussen gewisse Traditionen eines Landes die Fähigkeiten, wie zum Beispiel die Kochkünste, der Mehrheit der Bevölkerung? Auch wenn die Verallgemeinerung bestimmt nicht der Realität entspricht, muss diese Art von Rassismus nicht immer nur falsch sein. Solange du dir deinem Vorurteil bewusst bist und bewusst damit umgehst, kannst du es auch akzeptieren und das Gute darin sehen. Vielleicht hilft dir diese Idee, das Kochen und das leckere Essen während deines Italien-Trips besonders zu schätzen? Vielleicht motiviert sie dich, von einer italienischen Person das Kochen zu lernen?

Pornographie

Ich habe nie Pornographie konsumiert und tue es immer noch nicht, weil ich einfach nicht einsehe, wie sie jemals die Tiefe und Schönheit von realen sexuellen Begegnungen ersetzen kann. Zudem bin ich ziemlich gegen Pornographie, da ich denke, dass sie unserer Gesellschaft sehr schadet, insbesondere den jungen Generationen. Dennoch schliesse ich nicht aus, dass eine ethisch produzierte Form von Pornographie vielleicht für gewisse Personen nützlich sein kann. Vielleicht hilft sie ihnen, ihre Libido zurückzugewinnen? Vielleicht kann sie eine Gesprächsbasis bilden, um in einer Beziehung, in der das bisher ein Tabu war, offener über sexuelle Wünsche zu sprechen?

Religion

Ich bin katholisch aufgewachsen und bezeichne mich immer noch als religiös. Obwohl ich sehr selten in die Kirche gehe, spielt Religion eine wichtige Rolle in meinem Leben. Ich hatte das Glück von sehr offenen Personen in Religion eingeführt worden zu sein. Mir wurde nicht vermittelt, dass Katholizismus oder die Bibel die einzige Wahrheit bilden würden. Stattdessen lernte ich, andere Religionen zu respektieren und ihnen mit Neugier zu begegnen. Zudem ging es in den religiösen Bräuchen, mit denen ich aufwuchs, nie um Angst vor der Hölle oder sonst etwas in dieser Art. Es ging stets um Liebe und Hoffnung. Aber ich weiss, dass es viele extreme und fundamentalistische religiöse Gruppierungen gibt. Viele Leute wuchsen mit Angst und Einschränkungen auf Basis von Religion auf. Wenn diese Personen sich gegen Religion äussern, verstehe ich das vollkommen. Aus ihrer Sicht ist Religion etwas komplett Anderes und sie finden vielleicht eine andere Art von Sinngebung in ihrem Leben, die für sie viel besser ist.

Tiere essen

Vor vier Jahren habe ich meine Ernährung auf vegan umgestellt. Ich gehöre zu den Menschen, die das ziemlich strikt ohne bewusste Ausnahmen durchziehen. Diese Art von Ernährung und Lebensmittelkonsum fühlt sich für mich SO richtig an. Ich bin gegen so viele Aspekte der Produktion von tierischen Lebensmitteln in der heutigen Zeit, dass es viel zu weit gehen würde, diese hier aufzuführen. Trotzdem sehe ich ein, dass es Situationen geben kann, in denen es total richtig ist, tierische Produkte zu konsumieren. Wenn ich im alten Indien leben würde und eine heilige Kuh, deren Kälber bereits gut genährt sind, mir ihre überschüssige Milch anbieten würde, nähme ich sie dankbar an. Ich muss auch an die Indianer Nordamerikas denken, von denen bekannt ist, dass sie nur einen Bison jagten, wenn es für ihr Überleben notwendig wurde. Mit einem Ritual dankten sie dem Tier, von dem sie sich ernährten. Vielleicht war das für sie die absolut richtige Ernährung, wenn wir deren Möglichkeiten, Wissen und Traditionen in Bedacht ziehen.

Ich denke, es ist kein Widerspruch, starke Werte zu haben (die für einem selbst im Moment «richtig» sind) und diesen strikt zu folgen UND zu wissen, dass für eine andere Person oder vielleicht für dich selbst in einer anderen Situation, das Gegenteil richtig sein könnte.

Das ist eine Erinnerung daran, 1) offen für andere Meinungen zu sein und weniger zu werten sowie 2) immer wieder zu dir selber zu kommen, deiner Intuition zu folgen und bewusste Entscheidungen im Leben zu treffen.

Was denkst du dazu? Stimmst du mir zu, dass es kein Richtig oder Falsch gibt oder bist du anderer Meinung?

Ein lieber Gruss

Lisa

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